Anti-Infantino-Gipfel in Berlin: Fragen und Antworten zum FIFA-Machtkampf
Während FIFA-Chef Gianni Infantino in der Fußballwelt unermüdlich um Vertrauen kämpft, schmiedet die Europäische Fußball-Union (UEFA) ihren Umsturzplan.
Wenn die Bosse der europäischen Verbände am Donnerstag im Berliner Hotel Ritz-Carlton (ab 10.00 Uhr) zusammenkommen, sollen laut DFB-Präsident Bernd Neuendorf „wichtige Entscheidungen“ getroffen werden. Findet die UEFA einen Gegenkandidaten zu Infantino? Welche Druckmittel gibt es? Die wichtigen Fragen vor dem Anti-Infantino-Gipfel:
Was wird erwartet?
Im FIFA-Machtkampf hat sich das Momentum gedreht. Infantino ist nach einer Welle der Kritik infolge seines gescheiterten WM-Investorenplans in die Offensive gegangen, seine Gegner stehen unter Zugzwang. Bisher wurde erwartet, dass die UEFA einen Gegenkandidaten für die Präsidentschaftswahl im März 2027 in Rabat/Marokko ins Rennen schickt. In diversen Medien wird jedoch bereits über ein Scheitern der Revolte gegen Infantino spekuliert. Da der FIFA-Alleinherrscher allmählich die Kontrolle zurückgewinnt, dreht sich nun wohl auch vieles um die Frage, wie sich wenigstens Infantinos Macht künftig eingrenzen lässt. Von dem Treffen in Berlin geht eine Signalwirkung für den weiteren Wahlkampf aus.
Wer kommt als Alternative überhaupt infrage?
Aleksander Ceferin, UEFA-Boss und Anführer der Infantino-Rebellion, schloss eine Kandidatur aus. Lange galt CONCACAF-Chef Victor Montagliani als Möglichkeit. Der Kanadier steht jedoch selbst vor Wahlen im Kontinentalverband für Nord- und Mittelamerika und die Karibik. Er wird kaum in einen aussichtslosen Kampf gegen Infantino ziehen. Nasser Al-Khelaifi, mächtiger Klubboss von Paris und Ceferin-Vertrauter, betonte, „null Interesse“ zu haben. Salman bin Ibrahim Al Khalifa, Chef der asiatischen Konföderation AFC, unterlag Infantino 2016, zudem hat er durch die Infantino-Unterstützer aus Saudi-Arabien oder Katar mit Gegenwind in den eigenen Reihen zu kämpfen. Und da wäre der Vorteil des Amtsinhabers. Der letzte FIFA-Boss, der bei einer Wahl besiegt wurde, war Stanley Rous (1974). Die Frist für die Nominierung einer Alternative läuft am 18. November ab.
Wie sieht Infantinos Strategie aus?
Infantino stellte unlängst Reformbereitschaft sowie Auszahlungen aus den FIFA-Reserven an die Mitgliedsverbände in Aussicht. Damit verkleinerte der 56-Jährige die Angriffsfläche für seine Gegner, die zuvor ähnliche Forderungen gestellt hatten. Dazu reist Infantino dieser Tage um die Welt und wirbt etwa bei asiatischen Verbänden und in der Karibik um Vertrauen und inszeniert sich als Anführer, der aus Fehlern gelernt hat. Das Ziel? Die Risse in der Mauer des Widerstands von UEFA, CONCACAF und AFC sollen vergrößert werden.
Wie ist das Stimmungsbild?
Schon jetzt erscheint sicher, dass die oppositionellen Kontinentalverbände nicht alle ihre Mitglieder hinter sicher vereinen können. Die Stimmung im Weltfußball bleibt diffus. Der arabische Dachverband stellte sich jüngst hinter Infantino, selbst in Europa sprach sich Lettland als erster Verband für den amtierenden FIFA-Boss aus. Afrika und Südamerika sind ohnehin auf Infantinos Seite. Für den Wahlsieg braucht es mindestens 106 Stimmen.
Was bleibt der UEFA also?
Die Europäer setzen auch auf rechtliche Schritte. Die Vorbereitung einer Strafanzeige, in der Infantino „kriminelle Misswirtschaft“ vorgeworfen wird, sorgte für Aufsehen. Die FIFA kritisierte, dass die UEFA ohne Beweise für ein Fehlverhalten eine Schmutzkampagne gegen den Weltverbandschef führe. Die Europäer erhoffen sich dafür Beweise, dass Infantino aus dem Investorendeal auch persönlichen Profit habe schlagen wollen. Laut Beobachtern ist vor dem Ende der Nominierungsfrist aber kein entscheidender Fortschritt zu erwarten. Ihre Boykotthaltung gab die UEFA „vorläufig“ auf, eine solch wirkungsvolle Drohung könnte aber theoretisch jederzeit wieder auf den Tisch kommen. Ob der jüngste Wirbel um Kongos WM-Teilnahme und Infantinos angeblicher Einfluss darauf oder die norwegische Ethikbeschwerde gegen den FIFA-Chef etwas am Stimmungsbild in der Fußballwelt ändern, ist offen.
