Basketball in Österreich: Euphorie am Land und Ernüchterung in Wien?
Basketball erlebt in Österreich derzeit einen Aufschwung – doch in der Superliga ist dieser nicht überall gleich spürbar. Während Vereine aus Oberwart oder Gmunden regelmäßig hunderte Fans in die Hallen locken, bleiben in Wien viele Plätze leer.
Der Sport gewinnt insgesamt an Aufmerksamkeit – nicht zuletzt dank der wachsenden Beliebtheit des 3×3-Formats. In der Basketball-Superliga zeigt sich aber ein geteiltes Bild: Hochburgen wie Traiskirchen oder Wels füllen ihre Hallen, während in Wien oft (noch) viele Plätze unbesetzt bleiben.
Wo ist die Stimmung?
Dass es für die Superliga in der Hauptstadt schwieriger zu sein scheint, eine Halle zu füllen, zeigt sich auch beim letzten Heimspiel des BC Vienna vergangene Woche gegen die Oberwart Gunners: Der Großteil der Plätze bleibt leer, die Versuche des Hallensprechers, das Publikum zu „Let’s go Vienna, let’s go“-Rufen zu animieren, finden wenig Resonanz. Klänge von Trommeln oder Vuvuzelas, die bei vielen Spielen für Stimmung sorgen, gibt es in Wien nicht – dort sind sie, so steht es in der aktuellen Hausordnung des Hallmann Domes, sogar verboten.
Volle Ränge hier, leere Plätze dort
Steht man an einem Spieltag hingegen vor den Hallen in kleineren Städten Österreichs, glaubt man kaum, dass die Basketball-Bundesliga hierzulande im Vergleich zu anderen Sportarten wenig Aufmerksamkeit bekommt. Win2day Basketball Superliga-Geschäftsführer Albert Handler bezeichnet diese Standorte als „Rückgrat des österreichischen Basketballs“. Dort ziehe man an einem Strang – von der Politik über Sponsoren bis zu den Fans. Dies sei einer der „zentralen Erfolgsfaktoren unseres Systems“, so Handler.
Gmunden etwa gilt als Publikumsmagnet. Wie Zahlen auf der Webseite der Basketball Superliga zeigen, waren in der vergangenen Saison durchschnittlich rund 1.300 Zuschauerinnen und Zuschauer pro Heimspiel dabei. „In Gmunden ist die Halle fast immer ausverkauft, die Fans sind unglaublich leidenschaftlich und stehen voll hinter der Mannschaft“, weiß Basketballspieler Enis Murati, der jahrelang für die Gmunden Swans auf dem Parkett stand, ehe er nach Wien und später zum 3×3-Basketball wechselte. Der Rückhalt sei groß gewesen – aber damit auch der Druck.
Auch in anderen Städten war in der vergangenen Saison viel los. Bei den Oberwart Gunners kamen im Schnitt 876 Menschen, bei den Flyers Wels, den Traiskirchen Lions und beim UBSC Graz waren es jeweils über 700. In Wien waren es im Schnitt 430 Zuschauende, also nur knapp ein Drittel von Gmunden. Zum Vergleich: Wien hat über 2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, in Gmunden sind es knapp 13.200.
Laut Murati bleiben in Wien die Plätze unter der Saison oft leer, besonders etwa in Phasen, in denen es sportlich noch nicht so läuft. „Hat die Mannschaft Erfolg, kommen auch mehr Leute“, so Murati. In dieser Saison sei schon mehr los – nicht zuletzt wegen der Teilnahme des BC Vienna in der ABA-Liga.
Insgesamt sei die Tendenz laut Superliga steigend. „Wir verzeichnen heuer rund 17 Prozent mehr Zuschauerinnen und Zuschauer in den Hallen als in der Vorsaison“, sagt Handler.
Superliga als Teil der Städteidentität
In kleineren Städten ist Basketball Teil der lokalen Identität. Vereine bestehen seit Jahrzehnten, die Tradition wird weitergegeben und die Mannschaften werden von unterschiedlichen Generationen unterstützt. Das „jeder kennt jeden“, wie man es aus Kleinstädten kennt, macht auch vor der Halle keinen Halt. Murati hat es in Gmunden erlebt: „Der Verein hat eine lange Tradition, eine starke, gewachsene Community, und die Menschen stehen seit Jahrzehnten mit voller Leidenschaft dahinter.“
Chris O’Shea, der jahrelang an der Seitenlinie österreichischer Teams stand – von Gmunden über Klosterneuburg bis zur Nationalmannschaft –, betont das Familiengefühl und den Zusammenhalt, den Vereine in kleinen Städten erzeugen. In Wien sei das nicht so einfach. Dort etwas Dauerhaftes aufzubauen, erfordere enorm viel Einsatz.
Für Handler seien die Unterschiede logisch. Durch die Verankerung der Vereine in die lokale Identität kleinerer Städte entstehe Nähe und Loyalität. In größeren Städten funktioniere das anders. „Dort muss man als Club seine Zielgruppe aktiv definieren und über professionelles Marketing, Events und Medienarbeit aufbauen“, so Handler. Man beobachte aber auch in größeren Städten, dass etwas entsteht. Während das Potenzial in Wien enorm sei, fehle dort allerdings noch genau diese Identifikation, die kleinere Städte auszeichnet.
Was es in Wien brauche, sei laut Murati vor allem Kontinuität, Identifikation und sportlicher Erfolg. „Die Stadt hat alles – Infrastruktur, Ressourcen und Potenzial –, aber es fehlt noch die dauerhafte Verbindung zwischen Verein, Fans und Erfolgsgeschichte“.
Was in Wien anders ist
In Wien herrschen aber auch andere Voraussetzungen als in den „Hochburgen“ des Landes. Hier konkurriert der Sport mit einer Vielzahl anderer Angebote – sportlich wie kulturell. Fußball, Eishockey und American Football buhlen ebenso um Aufmerksamkeit wie Museen, Theater und Musicals. Sowohl Murati als auch O’Shea sind sich in dieser Hinsicht einig: Basketball muss sich hier die Aufmerksamkeit erst erarbeiten.
In kleineren Städten ist Basketball hingegen oft das „Main Event“. „Das Spiel am Wochenende war etwas, was man nicht verpassen wollte“, erinnert sich O’Shea an seine Zeit in Gmunden und Klosterneuburg. Kleinere Städte hätten einen Vorteil in Sachen Fankultur. Vereine wie die Dukes, Flyers oder Swans hätten eine Geschichte, die über Generationen reicht. Es erfülle einen mit Stolz, für den Verein zu arbeiten, die Spiele zu besuchen und die Mannschaft zu unterstützen. In Wien müsse dieses Gefühl erst wachsen, wobei es nach O’Shea nicht daran liege, dass man es dort nicht versuche. Es sei einfach eine größere „Challenge“.
3×3 lebt – auch in Wien
Spricht man über den „Basketball-Boom“, landet man schnell beim 3×3-Basketball. Der Sport hat erheblich an Beliebtheit gewonnen – und das auch und vor allem in Wien. Die schnellere und kurzweiligere Version des Sports erlebt aktuell einen regelrechten Hype. Vielleicht ist es die Spielzeit von maximal 10 Minuten, die gerade in Zeiten sinkender Aufmerksamkeitsspannen besonders attraktiv erscheint. Oder es sind die Schnelligkeit und der rasche Wechsel, die das Spiel so sehenswert machen.
Es funktioniert jedenfalls: Über 120.000 Fans waren insgesamt bei der WM 2023 und der EM 2024 in Wien vor Ort. Auch das World-Tour-Event in diesem Jahr hat zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer in die Hauptstadt gelockt.
Für Murati, der seit 2023 im 3×3 aktiv ist, hat diese Art von Basketball einen ganz anderen Charakter als der klassische 5-gegen-5-Basketball. „3×3 ist ein Event – es hat einen Turnier- und Festivalcharakter“. Der Hype? Der komme auch mit dem Erfolg. Letztes Jahr wurde Österreich Europameister. Eine Entwicklung, die wohl auch im „klassischen“ Basketball zu einem Boom führen würde.
Es ist ein Hype, den die Superliga in diesem Ausmaß noch nicht genießt, aber nutzen will. „Mit 3×3 erreichen wir Zielgruppen, die sonst nur schwer in die Halle gekommen wären und gleichzeitig auch selbst den Sport ausüben wollen“, so Handler.
Auch Murati betont, dass viele Jugendliche mit 3×3 überhaupt erst mit Basketball in Kontakt kommen. Fangen sie dann selbst an zu trainieren, laufe das oft über Nachwuchsarbeit der Bundesligavereine. „Insofern kann der 3×3-Erfolg helfen, dass mehr Kinder und Jugendliche in die Hallen kommen und Teil des Basketballsystems werden – egal, ob sie später im 5×5 oder im 3×3 landen“.
ABA-Liga als Chance?
Zum ersten Mal ist in der aktuellen Saison der ABA League (Adriatic Basketball Association) mit dem BC Vienna auch ein österreichischer Verein vertreten. Superliga-Geschäftsführer Handler sieht in Wiens Teilnahme in der ABA-Liga Potenzial: Der BC Vienna sei damit drauf und dran, ein „klar erkennbares Basketball-Profil“ in der Hauptstadt zu schaffen. Die Teilnahme zeige laut Murati auch, dass Wien langfristig eine Chance habe, den Basketball im ganzen Land nach vorne zu bringen.
Tatsächlich scheint der Zuspruch groß zu sein – nicht zuletzt wohl auch, weil in der Liga Teams aus Ländern spielen, die starke Communities in Wien haben, etwa aus Serbien. Beim letzten Heimspiel gegen den montenegrinischen Verein Budućnost VOLI waren laut Angaben der ABA-Liga 1.000 Menschen im Hallmann Dome – in der Bundesliga ist dies in der vergangenen Saison kein einziges Mal gelungen.
Wenn mehr österreichische Vereine international spielen würden, könnte das dem Basketball im Land einen gewaltigen Schub geben – davon ist Murati überzeugt. In dieser Hinsicht könnten kleinere Standorte von Wien lernen: mutiger sein, größer denken, mehr wagen.
Basketball als großes Ganzes
Die Superliga will sich immer weiterentwickeln. „Stillstand wäre Rückschritt und wir wollen unsere Strukturen und Reichweite jedes Jahr ein Stück weiterentwickeln“, so Handler. Was die öffentliche Wahrnehmung angeht, geht er davon aus, dass man Basketball künftig als gesamtheitliches System mit den Superligen, dem Nachwuchs, 3×3 und Rollstuhlbasketball als gleichwertige Bestandteile wahrnehmen wird.
Für die Weiterentwicklung des österreichischen Basketballs sei laut O’Shea entscheidend, dass es einem Verein in Wien gelingt, eine starke Fanbasis und echte Basketballkultur aufzubauen. Insofern sei der Schritt, in der ABA-Liga zu spielen, potenziell von enormer Bedeutung. Auch Murati spricht davon, dass Erfolg auf internationalem Niveau Chancen bringt. Er bringe neues Publikum in die Halle, daraus entstehe mit der Zeit Konstanz.
Wenn der Verein seinen sportlichen Erfolg fortsetzt, internationale Highlights bietet und eine stabile Fanbase aufbaut, könne Wien Schritt für Schritt zur echten Basketball-Hochburg werden, davon ist Murati überzeugt. „Die Voraussetzungen sind da – jetzt geht es darum, den Funken dauerhaft überspringen zu lassen“.
Bild: GEPA
