Kriechmayr Zweiter Platz Ski-WM-Abfahrt

„Karriere-Highlight“ für Kriechmayr: Er riss das Ruder rum

Vincent Kriechmayr kann es auch aus der Außenseiterrolle heraus. Anders als bei seinem WM-Titel 2021 in Cortina d’Ampezzo, als er als absoluter Topfavorit dem Erfolgsdruck mit Bravour standgehalten hatte, war Abfahrtssilber bei der heurigen Heim-WM in Saalbach-Hinterglemm nicht eingeplant. „Heuer bin ich viel hintennachgefahren. Aber dass ich so das Ruder herumreißen habe können bei der Heim-WM, ist umso schöner.“

Den Erfolg bezeichnete Kriechmayr als „Genugtuung“, die Medaille reihte er „sehr weit oben“ in seiner Erfolgskarriere ein. „Gold in Cortina ist natürlich höher einzustufen, aber mit dem Publikum ist es sicher ein Highlight in meiner Karriere.“ Zu speziell waren auch die Vorzeichen. „Natürlich war es keine einfache Situation, das alles spielt jetzt keine Rolle mehr.“

Kriechmayr-Start vor einer Woche „unmöglich“

Er hatte vor drei Wochen in Wengen bei einem Sturz kurz vor dem Ziel eine Innenbandzerrung im rechten Knie erlitten, musste eine Pause einlegen und verpasste Kitzbühel. Die „Fettn“, die er bisher in Bezug auf Gesundheit gehabt habe, war aufgebraucht, meinte Kriechmayr lapidar. „Es war im Vergleich zu vielen meiner Kollegen eine Kleinigkeit“, sagte er am Sonntag zwar, gab dann aber zu, dass ein WM-Start vor einer Woche „unmöglich“ gewesen sei.

Dass er für seine „erste und letzte Heim-WM“ rechtzeitig fit wurde, war ein erster Sieg. Nach dem unglücklichen vierten Platz im Super-G folgte die Veredelung in der Abfahrt. „Die Silbermedaille gebührt viel mehr den Personen im Hintergrund, die das möglich gemacht haben“, sagte Kriechmayr. Er dankte den Physios und seiner Frau Michaela. „Sie haben genau gewusst, was ich brauche, damit ich schnell wieder fit bin.“ Anders als im Super-G brauchte er auch kein „Spritzerl“ mehr. „Es war gestern schon deutlich besser und heute habe ich mich perfekt gefühlt.“

Kompletter WM-Medaillensatz

Zur absoluten Oberliga und den größten Abfahrern, die Österreich je hervorgebracht hat, gehört Vincent Kriechmayr schon länger. Mit einem für ihn besonderen Rennen komplettierte der gebürtige Linzer seinen Medaillensatz aus Gold, Silber und Bronze in der Abfahrt. Hinzu kommen WM-Gold und Silber im Super-G.

Der stille Genießer rückte aber vielmehr die Gefühlsdimension, die schönen Momente, in den Vordergrund. „Für mich war das von der Stimmung her eines der besten Rennen, die ich je erlebt habe.“ Die Kulisse im Ziel mit den 15.000 Zuschauer fassenden Tribünen, habe er so noch nicht erlebt. „Wenn man abschwingt und Erster ist, ist das schon was Einzigartiges. Großes Kompliment an alle Fans, das macht den Sport umso schöner.“

Gratulation an „unglaublichen“ von Allmen

Dem neuen Abfahrtskaiser Franjo von Allmen gratulierte Kriechmayr neidlos. „Es ist noch so jung, schon unglaublich, was er da abliefert hat“, sagte er über den erst 23-jährigen Schweizer. 24 Hundertstel lagen letztlich zwischen dem jungen Harakiri-Piloten und dem zehn Jahre älteren Mann mit der feinen Kante. „Natürlich finde ich die zwei Zehntel gleich einmal. Aber auch Franjo hatte noch Reserven“, sagte Kriechmayr. „Die Erfahrung hat da keine Rolle gespielt.“

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(APA)/Bild: GEPA