Knie und Seele geheilt – Pinkelnig vor Comeback
Für Skisprungstar Eva Pinkelnig rückt mehr als 400 Tage nach ihrem verhängnisvollen Sturz in Predazzo das Wettkampfcomeback näher. Ob die Vorarlbergerin beim Weltcupauftakt in Lillehammer am 21. November mit von der Partie ist, ist noch unklar. Ziel ist jedenfalls die erste Vierschanzentournee der Frauen zum Jahreswechsel. Die lange Rehazeit habe ihr körperlich wie mental sehr geholfen. „Ich war ausgebrannt“, sagte Pinkelnig im APA-Gespräch mit Blick auf die letzten Jahre.
Die Gesamtweltcupsiegerin von 2022/23 hatte sich am 18. September beim Sommer-Grand-Prix das vordere Kreuzband, den Innen- und Außenmeniskus gerissen und einen Knorpelschaden im linken Knie zugezogen. Pinkelnig verpasste die Olympiasaison, erstmals wieder von einer Schanze sprang sie Mitte September in Tschagguns. Dazwischen lagen zwölf Monate Leiden, Schinden und auch Ungeduld. „Für mich war es emotional manchmal gar nicht so einfach, eben weil ich gerne schon mehr machen wollte, als mich zurückzuhalten“, sagte die 38-Jährige.
Aber gemeinsam mit „Physiotherapeuten, Sportwissenschaftlern, Ernährungsberatern, mit der Sportpsychologin, Family und Friends haben wir einen super Weg gefunden, dass die Eva heil wird – und zwar Körper, Seele, Geist. Dementsprechend freue ich mich, jetzt noch einmal in den Zirkus einzusteigen“, berichtete Pinkelnig. Die Rückkehr auf die Schanze in Tschagguns sei ein wichtiger Schritt gewesen. „Ich wäre schon ein paar Wochen vorher gesprungen. Aber das Team hat es sehr gut gemanagt, dass das Ganze safe ist. Es war schön zu sehen, wie alle rundherum eher ein bisschen nervös waren. Aber für mich konnte es fast nicht schnell genug gehen, mit dem Schuhe binden, auf dem Balken sitzen und endlich springen.“
Dunkle Zeiten, Lob für Diethart
Für die Siegerin von 16 Weltcup-Einzelspringen war allerdings auch die Zeit vor ihrer Verletzung keine einfache gewesen. „Die letzten Jahre haben gezehrt. Ich habe mich überhaupt nicht mehr wohlgefühlt. Wir hatten teilweise einfach viel Chaos.“ Sie habe „faule Kompromisse“ eingehen müssen, im Hintergrund sei vieles nicht gut gelaufen. „Da sind viele Dinge passiert, die auf der Seele geschmerzt haben, die Narben hinterlassen haben.“ Aber: „Die sind jetzt auch geheilt, die hatten auch Zeit. Deswegen hat die Zeit abseits einfach sehr, sehr gut getan. Und dementsprechend fühle ich mich einfach frei und leicht und kann das Skispringen wieder genießen.“
Es gebe jetzt ein sehr gut funktionierendes Team. „Alle sind unglaublich bemüht, arbeiten miteinander, kommunizieren miteinander, und sie hören vor allem auch zu. Das ist ein Thema im Frauensport, dass uns einfach zu wenig zugehört wird. Da braucht es wirklich Menschen, die sich um uns kümmern und ihr Ego ein bisschen hinten anstellen.“ In diesem Zusammenhang hatte Pinkelnig viel Lob für Thomas Diethart. „Der macht das super als Chefcoach.“
Highlight Vierschanzentournee
Nun liegt der Blick auf die bevorstehende Saison, in die Pinkelnig mit Ambitionen geht. „Wirklich noch mal mit der Weltspitze mitzuhalten, das wäre einfach nur genial.“ Highlights seien die Vierschanzentournee, die WM in Falun und das Skifliegen in Planica. Dafür werde sie weiter „Tag für Tag, Sprungeinheit für Sprungeinheit gut arbeiten. Dann ist alles möglich“, hofft die Heeressportlerin, die ihr Weltcupdebüt erst im Alter von 26 Jahren gegeben hatte.
Die Tournee-Premiere für die Frauen bezeichnete Pinkelnig als überfällig. „Das hätte meiner Meinung nach schon vor dem Skifliegen kommen sollen. Das ist einfach die Benchmark im Skispringen. Es ist so viel wert, dass wir Damen da jetzt in der vollen Version mit dabei sind“, merkte sie an.
Pinkelnig: „Im Team bin ich die Oma“
Dass das ÖSV-Frauenteam im Skisprung-Weltcup zum Ende der vergangenen Saison nur mehr ein sehr kleines war, ist auch Pinkelnig nicht verborgen geblieben. „Wir haben einfach große Talente verloren, aber es kommen gute nach. Im Team bin ich jetzt die Oma.“ Für sie ist Lisa Fettner „ganz klar die Nummer 1, was das Sportliche betrifft. Was das Mediale rundherum betrifft, das liegt eher bei mir. So teilen wir uns das auf, dann hat es jeder ein bisschen leichter.“
Dass sich Fettner nach ihrem Rücktritt vom Leistungssport noch einmal umentschieden hat, freut die Sportlerin des Jahres 2023. „Sie ist eine Riesenstütze fürs Team.“ Und im Training ein starker Gradmesser für ihre Kolleginnen. „Sie gehört zu den Besten der Welt. Da weiß ich dann, wo ich hinmuss“, resümierte Pinkelnig.
