Kriechmayr stemmt sich erfolgreich gegen Zahn der Zeit
Seine Silbermedaille in der WM-Abfahrt von Saalbach-Hinterglemm hat Vincent Kriechmayr mit der ihm eigenen Bescheidenheit zelebriert und kommentiert. Die Genugtuung nach vielen Rennen, in denen er zuletzt gehadert hatte, war am Sonntagabend spürbar. Gleichzeitig ließ der 33-jährige Oberösterreicher in die Abfahrer-Seele blicken. „Das Vollgas-Mindset hinzukriegen, fällt mir nicht mehr so leicht wie früher.“
Der Speed-Ressortleiter im österreichischen Team stemmte sich am Sonntag erfolgreich gegen die Schweizer Übermacht, indem er einen weiteren eidgenössischen Doppelsieg verhinderte. Die jungen Draufgänger aber einzufangen, falle immer schwerer. „Man muss voll auf Druck sein. Das war früher nicht anders, aber die jungen Schweizer drücken schon gnadenlos an“, sagte Kriechmayr mit Blick auf den neuen Abfahrtsweltmeister Franjo von Allmen. Dieser ist mit 23 ganze zehn Jahre jünger als Kriechmayr.
Bei Passivität „kriegst du eine aufpaniert“
„Ich will nicht sagen, dass du früher nur runterfahren konntest. Beat (Feuz), Mothl (Mayer) oder Svindal waren auch g’scheite Kaliber. Aber für mich als 33-Jährigen ist es gar nicht mehr so leicht, ständig am Limit zu sein“, führte Kriechmayr weiter aus. „Früher habe ich oft schon im Training eine Bestzeit hingeknallt. Jetzt fahre ich um eine Bestzeit mit, wenn man die Ergebnisliste umdreht.“ Er sei nicht oft gestürzt, habe aber dennoch viele brenzlige Situationen erlebt.
Um etwas zu gewinnen, müsse man „fast perfekt fahren“ und sich „komplett am Limit bewegen“, betonte der gebürtige Linzer in dem Wissen, dass ihm Letzteres Stunden zuvor gelungen war: „Wenn du einen Schwung passiv fährst, kriegst du gleich eine aufpaniert.“ Daniel Hemetsberger, den er groß auf der Rechnung hatte, sei oben eine Spur zu brav gefahren. „Und mit bissl brav bist du nicht mehr dabei.“ Sechs Zehntelsekunden fehlten Hemetsberger als Siebentem auf das Podest.
Karriereende rückt näher
In all den Wochen, in denen es gar nicht gelaufen war, betonte Kriechmayr immer wieder, dass er aufhören werde, wenn es keinen Spaß mehr macht. Was in seinem Fall heißt: Wenn es für ganz vorne nicht mehr reicht. „Ich bin 33, werde im Oktober 34. Irgendwann ist es auch genug. Ich kann nicht sagen, ob es meine letzte WM ist, aber die Tendenz ist sicher dahingehend.“ Olympia 2026 in Italien – die Speed-Männer fahren in Bormio – hat er noch auf dem Zettel, danach könnte Schluss sein.
Bis dorthin will er sich insbesondere den Schweizern erwehren. Dass der Teamspirit im Nachbarland stimmt, zeigte eine von Odermatt orchestrierte Haar-Ab-Aktion vor der Siegerehrung. „Die Schweizer sind eine coole Truppe mit einem coolen Spirit, aber den Spirit haben wir auch. Vielleicht tragen wir ihn nicht so nach außen“, sagte Kriechmayr und zitierte seinen bevorzugten Partner für die Team-Kombination am Mittwoch: „Der Felli (Manuel Feller, Anm.) hat es einmal gut gesagt: Nur, weil wir uns im Ziel nicht abschmusen, heißt es nicht, dass wir uns nicht wertschätzen oder mögen.“ Nachsatz: „Der Spirit allein macht uns auch nicht schneller, es aber zumindest erträglicher, wenn es nicht läuft.“
(APA)
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