Ausdauer Extremsport

Zwischen Verschleiß und Vitalität: So reagiert der Körper auf extreme Belastungen

Machst du weiter oder gibst du auf? Bei exzessiven Ausdauerwettkämpfen gewinnen häufig jene Athlet:innen, die über die größte Ausdauer, die beste Renneinteilung und die stärkste mentale Widerstandskraft verfügen.

Erfolgreich sind vielmehr diejenigen, die ihre Kräfte richtig einteilen, Rückschläge akzeptieren und auch dann weitermachen, wenn Körper und Geist längst zum Aufhören raten. Solche Rennen zeigen, dass der menschliche Körper oft zu Leistungen fähig ist, die weit über die eigenen Erwartungen hinausgehen.

Ultraläufe: Machst du weiter oder gibst du auf?  

Doch welche Spuren hinterlassen solche Belastungen im Körper? Im zweiten Teil unserer Reihe widmen wir uns den körperlichen Auswirkungen des Ausdauersports und ordnen ein, welche Anpassungen regelmäßiges Training bewirkt, wo seine gesundheitlichen Vorteile liegen und wann aus Belastung Überlastung werden kann.

Extremsportler Kim Gottwald äußert sich in seiner Dokumentation klar:

Wir laufen so lange weiter, bis gar nichts mehr geht, und wenn ich zusammenbreche, dann war’s das. Aber warum sollte ich vorher aufgeben? Warum? Es gibt keinen Grund.“

Doch gibt es tatsächlich keinen Grund aufzugeben?

Negative Auswirkungen

Die Liste der veränderten Laborwerte ist lang. Besonders betroffen sind dabei die Leber- und Nierenwerte. Fängt die Muskulatur an sich aufzulösen gelangt das sogenannte Muskelprotein Myoglobin aus dem Muskel in die Blutbahn. Dies wird Rhabdomyolyse genannt. Dies kann zu einem erheblichen Schaden bis hin zum akuten Nierenversagen führen. Wenn die Myoglobinwerte hoch sind, färbt sich der Urin aufgrund der Ausscheidung des Myoglobins über die Nieren rot-braun. In extremen Fällen kann mit einer Dialyse das Myoglobin aus dem Blut entfernt werden. Die Nieren werden dabei gereinigt, um wieder selbstständig funktionstüchtig zu sein.

Durch die wiederholte Überbelastung können außerdem Stressfrakturen auftreten. Winzige Verletzungen im Knochengewebe können sich über die Zeit zu Ermüdungsbrüchen entwickeln. Normalerweise gleicht der Körper solche Belastungsschäden durch kontinuierliche Umbau- und Reparaturprozesse aus. Bei Extremausdauerrennen bleibt dafür jedoch oft nicht ausreichend Zeit. Nachdem Gottwald bei seinem selbst organisierten Backyard 448,9 Kilometer zurückgelegt hatte, äußerte er sich auf Instagram wie folgt:

„Nach 130 km war das Knie durch, nach 450 km der ganze Körper. MRT sagt zum Glück: nur ein Ödem.“

Arda Saatci erlitt bei seinem Lauf von Berlin nach New York sogar einen Ermüdungsbruch im Bein. Auch David Goggins, ein amerikanischer Extremausdauersportler, berichtet von erheblichen Schäden an seinen Kniegelenken. Dabei können insbesondere die Gelenkknorpel betroffen sein, die normalerweise als Stoßdämpfer zwischen den Knochenenden dienen und eine reibungsarme Bewegung ermöglichen.

Positive Auswirkungen

Allgemein muss nach einem solchen Rennen von einem erhöhten Infektionsrisiko ausgegangen werden. Das Immunsystem ist vorübergehend geschwächt und muss sich ebenso wie die erschöpften Energiereserven zunächst regenerieren. Davon abgesehen überwiegen für die meisten Athlet:innen jedoch die positiven Auswirkungen des Ausdauersports, insbesondere bei normalen Wettkampfbedingungen und einem gesunden Maß an Ehrgeiz. Letztlich kennt jede:r Athlet:in den eigenen Körper am besten.

Regelmäßiges Ausdauertraining kann die Telomerlänge um etwa 3,3 bis 3,5 % erhöhen. Telomere sind die schützenden Enden der Chromosomen. Sie verhindern, dass Chromosomen ausfransen oder miteinander verschmelzen. Studien deuten darauf hin, dass dies mit einer um mehrere Jahre erhöhten Lebenserwartung verbunden sein kann. Bereits 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche reichen aus, um gesundheitliche Vorteile zu erzielen. Darüber hinaus stärkt die zunehmende Leistungsfähigkeit das Gefühl der Selbstwirksamkeit.

Auch der VO₂max-Wert, also die maximale Menge an Sauerstoff, die der Körper pro Minute unter Belastung aufnehmen und verwerten kann, profitiert von regelmäßigem Training. Untersuchungen zeigen, dass dieser Wert bei kontinuierlicher sportlicher Aktivität bis ins höhere Alter auf einem bemerkenswert hohen Niveau gehalten werden kann. In einem dokumentierten Fall lag der VO₂max-Wert eines 77-jährigen Mannes noch rund 240 % über dem Durchschnitt seiner Altersgruppe. Der Mann hatte über Jahrzehnte hinweg regelmäßig Marathonlauf betrieben.

Darüber hinaus verbessert kontinuierliches Ausdauertraining die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems. Für Menschen, die wenig oder gar keinen Sport treiben, erscheinen sportliche Herausforderungen wie ein 50-Kilometer-Lauf oft unvorstellbar. Gleichzeitig bewegen sich laut der WHO rund 1,8 Milliarden Menschen weltweit zu wenig. Ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmte Krebsarten ist dadurch erhöht.

Eine Studie aus der deutschen Sporthochschule Köln kam gänzlich zu dem Ergebnis, dass Sport das Potential habe akut und chronisch kognitive Fähigkeiten zu verbessern. Darunter exekutive Funktionen, Gedächtnisleistungen und Lernprozesse zu optimieren. Wer sich regelmäßig bewegt, verbessert nachweislich seine Gesundheit und Lebenserwartung. Die größeren Risiken entstehen häufig nicht durch Bewegung, sondern durch Bewegungsmangel.

Kimi Schreiber ist Trailrunnerin, Journalistin und Autorin. Als Athletin des adidas Teams und Podcasterin setzt sie sich intensiv mit den sportlichen, mentalen und gesellschaftlichen Facetten des Trailrunnings auseinander.

Kimi Schreiber zählt heute zu den erfolgreichsten deutschen Athletinnen ihrer Disziplin. (Quelle: Adidas)

Für sie geht der Nutzen des Laufens weit über die körperliche Gesundheit hinaus. Sie beschreibt den Sport als einen Ort der Ruhe und des Loslassens.

„Es gibt nichts, was mir so viel Frieden und Ruhe schenkt wie das Laufen.“

Ohne das Laufen wäre sie „ein unausgeglichener Mensch“. Ursprünglich sei sie durch ihre Mutter zum Laufsport gekommen, in der Jugend konnte sie durch das Laufen „die Maske ablegen“.

Nicht möglichst viel, sondern richtig

Die Sportler:innen bereiten sich individuell auf solche Rennen vor. Hendrik Boury ist Vater, Ehemann und arbeitet in Vollzeit. Deshalb plant er seine Trainingsphasen sowie Wettkämpfe ein Jahr im Voraus. Sein Trainingskonzept basiert dabei vor allem auf kürzeren, aber effizienten Laufeinheiten am frühen Morgen sowie auf Nachttraining, damit die Familie für seine Leidenschaft keine zu großen Einschnitte machen muss.

Hendrik Boury bei den deutschen Meisterschaften 2022. (Quelle: Boury)

Auch Schreiber betont, dass sportliche Leistung weit mehr umfasst als das eigentliche Training. Zwar sei Trailrunning auf den ersten Blick eine Einzelsportart, auf professionellem Niveau funktioniere sie jedoch nur im Team. Pacer, Verpflegung, Trainer:innen oder Physiotherapeut:innen seien wichtige Bestandteile einer erfolgreichen Wettkampfvorbereitung. Ebenso entscheidend sei das persönliche Umfeld. Während eines halben Jahres in den Chamonix, den französischen Alpen, habe sie den ständigen Vergleich mit anderen Spitzenläufer:innen als belastend empfunden. Erst nach ihrer Rückkehr nach München habe sie wieder mehr Ausgeglichenheit gefunden. „Es läuft sich besser, wenn man angekommen ist“, sagt sie.

Sportwissenschaftliche Beurteilung

Auch bei der Trainingsgestaltung stellt sich die Frage, welche Maßnahmen tatsächlich einen Leistungsvorteil bringen. Ob Nachttraining, wie es beispielsweise Boury macht, die Leistung steigert, ist umstritten. Der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Zinner sieht das Nachttraining beispielsweise eher kritisch, da der mögliche Nutzen die Nachteile nicht eindeutig überwiege. Vor allem die Einschränkung des Nachtschlafs sei problematisch, weil Schlaf für Regeneration und Leistungsentwicklung essenziell ist. Fehlender Schlaf müsse oft tagsüber nachgeholt werden, wodurch sich lediglich der Tagesrhythmus verschiebe. Ein tatsächlicher Leistungsgewinn ist wissenschaftlich bislang nicht eindeutig belegt.

Zinner forscht im Institut für Sportwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München im Bereich der Trainingswissenschaft unter anderem zu Fragestellungen der Ausdauerleistungsfähigkeit.

Er weist ferner darauf hin, dass außergewöhnliche sportliche Leistungen häufig verkürzt dargestellt werden. Im Fokus stehen meist Rekorde und spektakuläre Ergebnisse, während die jahrelange Vorbereitung dahinter kaum sichtbar wird. Dabei sind Spitzenleistungen in der Regel das Ergebnis eines langfristigen Trainingsprozesses sowie einer umfassenden professionellen Betreuung durch Expert:innen verschiedener Fachrichtungen, etwa aus den Bereichen Trainingswissenschaft, Physiotherapie oder Sportmedizin. Diese Rahmenbedingungen sollten nicht unterschätzt werden.

Auch der finanzielle Aufwand kann erheblich sein. So investierte Gottwald nach eigenen Angaben rund 4.717 Euro in physiotherapeutische Betreuung während seines Rennens in Texas im Jahr 2025. Dies verdeutlicht, dass professionelle Unterstützung häufig ein wesentlicher Bestandteil sportlicher Höchstleistungen ist.

Die Beispiele zeigen, dass außergewöhnliche sportliche Erfolge weit mehr umfassen als den sichtbaren Moment des Wettkampfs. Hinter ihnen stehen langfristige Planung, konsequentes Training, mentale Ausdauer sowie häufig auch erhebliche zeitliche und finanzielle Investitionen.

Entwarnung für die Gesellschaft

Zinner stellt zudem fest:

Leistungssport ist nie gesund.“

Zwar sei der menschliche Körper außerordentlich anpassungsfähig, doch mit zunehmendem Trainingsumfang, der im Leistungssport häufig 15 bis 20 Wochenstunden oder mehr umfasst, steigen auch die körperlichen Belastungen und Risiken. Entscheidend sei deshalb nicht ein möglichst hoher Trainingsumfang, sondern vor allem eine angemessene Trainingssteuerung. In der Gesamtbetrachtung bleibt Leistungssport jedoch die Ausnahme.

Laut der Weltgesundheitsorganisation bewegen sich rund 35 Prozent der Erwachsenen weltweit zu wenig, während schätzungsweise nur etwa ein Prozent der Weltbevölkerung jemals einen Marathon läuft.

Die gesundheitlichen Risiken des Leistungs- und Extremsports sollten daher nicht mit den positiven Effekten regelmäßiger körperlicher Aktivität verwechselt werden. Für die öffentliche Gesundheit ist Bewegungsmangel insgesamt das deutlich größere Problem als sportliche Überlastung. Entscheidend ist nicht möglichst viel Training, sondern ein Training, das dem individuellen Leistungsstand und den körperlichen Voraussetzungen angepasst ist.