Der (unscheinbarste) Transfercoup des SK Rapid
Ein Kommentar von Sky-Reporter Eric Niederseer
Auch wenn der übliche Rapid-Fan alle Jahre wieder hoffnungsvoll und euphorisch die sozialen Medien und Diskussionsforen dieses Landes abgrast, um Transfergerüchte aufzuschnappen, potenzielle Neuzugänge zu analysieren oder über mögliche Verstärkungen zu philosophieren, so blieb es diesen Sommer auf der Zugangsseite in Hütteldorf ruhig.
Für den einen oder anderen Fan in Anbetracht einiger potenzieller Problemstellen wie der physischen Komponente auf der Sechserposition oder der mangelnden Kaderdichte auf den Außenverteidigerpositionen zu ruhig. Und doch hat der SK Rapid fast still und heimlich den wohl größten Transfercoup abseits des Rasens gelandet. Ein Transfercoup, dessen Ausmaß jedoch erst in einigen Jahren zu messen sein wird – jedoch bereits kurzfristig einige Problemstellen beseitigt.
Die Verpflichtung von Wolfgang Fiala von der SV Ried als neuen Technischen Direktor erscheint auf den ersten Eindruck ein grundsolider Transfer zu sein. Bei genauerer Betrachtung könnte Rapid mit diesem Transfer jedoch auf mehreren Ebenen einen Transfercoup gelandet haben. Grün-Weiß hat mit der Verpflichtung von Wolfgang Fiala mehrere Fliegen mit ein und derselben Klappe geschlagen. Schon vorab gilt festzuhalten: Chapeau an die grün-weiße Taskforce! Oder doch an Chefcoach Johannes Hoff Thorup, der sich seit seiner Anstellung über Monate hinweg im Hintergrund ein Bild über die Defizite machte, intern aneckte und seine Kompetenzen und sein Know-how in der Nachwuchsförderung aus seiner Zeit in Skandinavien nun nutzte, um der Stein des Anstoßes einer größeren Strukturveränderung zu sein?
Fiala als Architekt des Erfolg auf mehreren Ebenen
Fakt ist auf alle Fälle, dass mit dem Rieder Sportchef Wolfgang Fiala einer der Architekten des Rieder Erfolgs der vergangenen Jahre im Oktober in Hütteldorf andocken wird. Rapid verstärkt sich mit einem Mann, der für die nachhaltige Entwicklung junger Talente steht, der in Zusammenarbeit mit Maximilian Senft und Lukas Brandl den schwierigen Spagat zwischen der erfolgreichen Integration junger Talente bei den Profis und nachhaltigem Erfolg meisterte – und das ganze unter anderem in einer schwierigen Phase nach dem Abstieg oder in der Saison 2025/26 als Aufsteiger.
Ein Spagat, den viele andere Vereine in der österreichischen Bundesliga, die nominell zu den größeren Kalibern zählen, in den vergangenen Jahren vergeblich versuchten. Wolfgang Fiala hat in Ried unter Beweis gestellt, dass die Durchlässigkeit zwischen der Akademie und den Profis nahtlos hergestellt werden kann. Und dass eine einheitliche Philosophie in einem Verein unabdingbar ist. Der Fakt, dass die SV Ried in der abgelaufenen Saison den höchsten Anteil österreichischer U22-Spieler in der Bundesliga vorweist, unterstreicht diese These.
Ried meistert Spagat zwischen Leistungsdruck und Integration wie kaum ein anderer
Was hat Wolfgang Fiala mit seinem Team um Lukas Brandl bei der SV Ried noch bewiesen? Dass er, abgesehen von der Förderung nationaler Talente, auch ein geschultes Auge für den internationalen Markt besitzt. Die Transfers der vergangenen Sommerperioden wie z. B. von Jussef Nasrawe (19), Kingstone Mutandwa (22) oder Antonio van Wyk (24), die allesamt nach kurzer Anpassungszeit zu unangefochtenen Leistungsträgern avancierten und teilweise bereits gewinnbringend verkauft wurden, unterstreichen auch diese These.
Auch in diesem Transfersommer führte Fiala, quasi als „letzte Amtshandlung im Innviertel“, den jungen Weg trotz des Trainerwechsels zweifel- sowie gnadenlos fort: Dejan Radonjic (20), Oliver Sorg (18), Tobias Lund Jensen (20), Tino Kusanovic (18), Pape Sissoko (18) dienen als Beispiele, dass man auf den eingeschlagenen, jungen Weg vertraut – und dass der junge Weg zwar der riskantere und schwierigere ist, bei konsequenter Handhabe jedoch nachhaltig zum Erfolgsfall führt.
Im Innviertel scheut man sich nicht davor, trotz des Ergebnisdrucks der bei allen Bundesligisten vorherrscht, Talente zu integrieren und ihnen die Schritte in den Profifußball zu ermöglichen. Im Innviertel steht man dafür, jungen Talenten direkt Verantwortung zu geben und gemeinsam ihren Wert zu entwickeln – anders als bei vielen, anderen Bundesligisten.
Erfolgreiche Vernetzung zwischen Nachwuchs & Profis bei Rapid als Win-Win-Situation für Österreich
Dieser Übergang zwischen Nachwuchs- und Profifußball, der beim SK Rapid in den vergangenen Saisonen trotz großartiger Voraussetzungen vernachlässigt wurde und aufgrund der mangelnden Vereinheitlichung zwischen Akademie und Profis entstand, sollte durch die Verpflichtung von Fiala ausgemerzt werden. Rapid samt seiner Akademie funktionierte in den vergangenen Jahren nicht als einheitliche Institution, sondern als zwei eigenständige Apparate. Als eines der primären Ziele des SK Rapid sollte nämlich gelten, dass möglichst viele Spieler aus der eigenen Akademie den Weg zu den Profis, bestenfalls sogar ins Nationalteam, schaffen.
Dieser nahtlose Übergang funktioniert jedoch nur, im Falle einer durchgängigen Spielphilosophie innerhalb des gesamten Vereins. Auf der Gegenseite wurde der Punkt „Identifikation mit heimischen Talenten“ und die Vernetzung zwischen Jugend und Profis bei der SV Ried über Jahre hinweg großgeschrieben. Und Identifikation mit österreichischen Talenten ist auch einer der Punkte, nach denen sich die Fans des SK Rapid in ihrem tiefsten Inneren sehnen. Aus der Verpflichtung von Fiala sollte somit eine Win-win-Situation für den SK Rapid und in Folge auch für den österreichischen Fußball entstehen.
Moderner Leiberlkampf abseits des Rasens
Ein weiterer Aspekt der Verpflichtung ist der Faktor „Konkurrenzkampf“. Konkurrenzkampf, möchte man meinen, existiert nur auf dem grünen Rasen. Die Anstellung von Fiala als Technischer Direktor ist in gewisser Art und Weise jedoch auch als Fingerzeig und Weckruf in Richtung diverser Personen im Verein zu verstehen. Wird für Ungewissheit für diverse Personen im Verein sorgen. In gewisser Art und Weise wird ein „Leiberlkampf“ abseits des Rasens entstehen.
Denn ein neues Organigramm, ein neu geschaffener Posten, verbunden mit einer anderen Philosophie und neuen Kompetenzen führt zwangsläufig auch immer zu vielen Fragezeichen. Womöglich gar zu Selbstzweifel. Oder im Idealfall sogar dazu, dass Verantwortliche nun wieder mehr machen, als der gesunde Durchschnitt, um ihr „Leiberl“ zu halten zu können. Überschneidungspunkte in gewissen Themengebieten führen nämlich unweigerlich dazu, dass sich schlussendlich die höhere Arbeitsmoral und erfolgsversprechendere Kompetenz durchsetzen wird.
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