Im seit Wochen tobenden Machtkampf bei der FIFA ist der unter Druck stehende Präsident Gianni Infantino in die Offensive

Infantino geht im FIFA-Machtkampf in die Offensive

Das breite Grinsen mit zusammengekniffenen Augen auf dem Foto neben dem Weltpokal lässt vermuten, dass sich Gianni Infantino diebisch über seinen cleveren Schachzug freut. Im seit Wochen tobenden Machtkampf beim Fußball-Weltverband ist der massiv unter Druck stehende FIFA-Präsident in die Offensive gegangen und inszeniert sich als versöhnender Reformer, um so seinen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. An seiner Glaubwürdigkeit wird zwar schwer gezweifelt, dem Ziel der Wiederwahl ist Infantino aber wohl einen Schritt nähergekommen.

Schon alleine die Wortwahl des Schweizers in seinem Brief an die Bosse der 211 Mitgliedsverbände sowie dem dazugehörigen Instagram-Post verrät den neuen Ansatz. Er „unterbreite“ Vorschläge, er „bitte“ das FIFA-Council um eine Entscheidung, er „schlage“ eine Erörterung „vor“ und „sei offen“ für Gespräche. So demütig hat sich Infantino in seinen bisherigen zehneinhalb Jahren an der FIFA-Spitze selten bis nie gezeigt.

„Neue Hoffnung für die FIFA“: Pröll & ÖFB unterstützen Infantino-Gegenkandidaten

UEFA will einen Gegenkandidaten stellen

Offensichtlich will der 56-Jährige das Image des Alleinherrschers zumindest bis zur Präsidentenwahl am 18. März des kommenden Jahres in Rabat/Marokko abschütteln, um so seine Anhänger hinter sich zu versammeln und der Anti-Infantino-Fraktion die Angriffsfläche zu berauben. Kritiker werfen Infantino jedoch vor, dass er seit seinem Amtsantritt zahlreiche Reformen zurückgedreht hat, die infolge des FIFA-Skandals eingeführt worden waren.

Vor allem der Europäischen Fußball-Union (UEFA) um Präsident Aleksander Ceferin hat Infantino mit seinem Vorstoß eine Aufgabe gestellt. Die UEFA wollte eigentlich in rund zwei Wochen in Berlin einen Gegenkandidaten mit Erfolgsaussichten ins Rennen schicken – dieses Vorhaben dürfte nun schwieriger werden. Die Frist für die Nominierung läuft am 18. November ab.

Der ÖFB unterstützt dabei die Line der UEFA, wie der Aufsichtsratsvorsitzende Josef Pröll am Sonntag bei „Talk & Tore“ erneut bestätigte.

Infantino bringt neue Vorschläge ein

Durch seinen Vorstoß verändert Infantino zudem die Statik vor der nächsten Sitzung des Councils am 15. Oktober. Sollte es dabei nach dem Willen seiner Rivalen vor allem um die gegen Infantino gerichteten Anträge gehen, hat sich der FIFA-Chef nun das Momentum zurückgeholt. Schließlich sehen seine Vorschläge für die Tagung des Gremiums auf dem Papier gut aus.

Eine „unabhängige, externe Prüfung“ des Regierungsstils – also quasi seiner eigenen Amtsführung – bringt Infantino ins Spiel. So könnten „mögliche Verbesserungen“ empfohlen werden. Zudem sollen alle „relevanten Interessenträger“ gehört werden, um die „Entscheidungsfindung der FIFA“ weiter zu stärken. „Fußball ist für alle, überall“, schloss Infantino dann doch wieder gewohnt pathetisch: „Dieses Prinzip wird unsere Arbeit auch weiterhin leiten.“

Mit seinen Vorschlägen reagiert Infantino auf die Welle der Entrüstung, die ihn seit zwei Monaten überrollt. Nachdem sein Vorhaben gescheitert war, Anteile an Turnieren des Weltverbandes an private Investoren auch aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump zu verkaufen, drängen Infantinos Gegner auf dessen Rückzug.

Organisation FairSquare glaubt nicht an Infantino-Reue

Sie glauben nach wie vor nicht an die Reformbereitschaft des FIFA-Präsidenten. Sie sei „offensichtlich nicht ernst gemeint“, sagte FairSquare-Direktor Nicholas McGeehan dem SID. „Wenn die FIFA ihre eigenen Regeln einhalten würde, würde Infantino sofort seines Amtes enthoben werden“, betonte McGeehan, dessen Organisation Beschwerde gegen Infantino bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht hat. McGeehan sieht den Vorstoß Infantinos lediglich als weiteres Kapitel im „Kampf um Macht und Loyalität“ zwischen der FIFA und der UEFA.

An Infantinos Grinsen ändert diese Einschätzung aber erst einmal nichts.

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