Zum NACHSEHEN: „RIESENrad – Sportgrößen im Waggon 28“ mit Gerhard Berger

via Sky Sport Austria

In der vierten Ausgabe „RIESENrad – Sportgrößen im Waggon 28“ trifft Kimberly Budinsky eine österreichische Motorsport Legende: den ehemaligen Formel 1-Piloten und heutigen DTM-Boss Gerhard Berger.

Der zehnfache Grand Prix-Sieger spricht über seinen ungewöhnlichen Weg in die Formel 1, seine besondere Beziehung zu Ayrton Senna, seinen dramatischen Unfall in Imola und unvergessliche Momente und Erfolge.

Alle Stimmen zu „RIESENrad – Sportgrößen im Waggon 28“

Gerhard Berger (ehemaliger Formel 1-Pilot):

…über seine Beziehung zu Wien und zum Riesenrad: „Ich war mit meinen Kindern schon mal da und habe das sehr genossen. Da haben wir uns den Prater angesehen und in der Nähe gibt es das Wachsmuseum. Das haben meine Kinder ganz lustig gefunden, als sie mich da drinnen als Wachsfigur gefunden haben.“

…über seine Anfänge im Motorsport: „Ich war ein richtiger Straßenköter, der gerne schnell mit Autos und Motorrädern gefahren ist. Das Ganze hat sich meistens auf Straßen und Feldwegen mit nicht angemeldeten Fahrzeugen ohne Führerschein abgespielt. Das ging damals noch und waren maximal Kavaliersdelikte. Ich habe eine wunderschöne Kindheit genossen und habe mich den ganzen Tag damit beschäftigt, wie ich irgendwelche Geräte am Limit bewegen kann. Ich habe dann über einen Freund die einmalige Gelegenheit gehabt ein Rennen am heutigen Red Bulll Ring zu fahren. Ich habe das Rennen gewonnen und das war ein bisschen geheim. Meine Eltern dachten, ich sei in der Berufsschule. Am Montag war die Zeitung voll, weil ich das Rennen gewonnen habe. Dann war zuhause Stunk und dann habe ich ein Jahr lang keine Rennstrecke gesehen. 1981 habe ich mir einen Alfasud gekauft. Ich war Mechaniker und habe den unfallbeschädigt gekauft und hergerichtet. Ich bin dann in die Alfasud-Europameisterschaft eingestiegen. Das war 1981 meine erste volle Saison.“

…über entscheidende Personen in seiner Laufbahn: „Ich habe keine klaren Ambitionen Richtung Profirennsport gehabt. Ich habe immer wieder Leute kennengelernt und gezeigt, dass ich gut unterwegs bin. Irgendwann hat Alfa Romeo gesagt, dass sie mich mit Motoren unterstützen könnten und ich Formel 3 machen solle. Ich hatte kein Geld und bin dann Formel 3 gefahren. Dann bin ich bei einem Rennen Helmut Marko aufgefallen. Das ist jetzt 45 Jahre her und er hat mich gefragt, was ich nächstes Jahr mache. Ich habe gesagt „nix, weil ich kein Geld habe“. Er hat mich nach Graz eingeladen und schaut, was er für mich machen kann. Das war mein erster großer Start in die Karriere.“

…über seinen ersten Grand-Prix-Sieg: „Ich bin auf einmal am Podium gestanden und war der Superstar. Ich habe nicht wirklich gewusst, woher das kommt. In dem Moment hat mich Keke Rosberg zur Seite geholt und gesagt, dass ich mich freuen sollte, weil diese Tage sehr selten in der Formel 1 kommen. An das denke ich sehr oft und das ist wirklich so. Neben den drei, vier Seriensiegern, wie Schumacher, Hamilton oder Senna, sind die Siege nicht so häufig gekommen und das war für alle anderen was ganz Besonderes.“

…zu einem Angebot von Didi Mateschitz im Jahr 1985, ihn als ersten Red Bull Athleten zu sponsern: „Ich freue mich immer wieder über das Glück, das mir zugelaufen ist. Egal, ob im Rennauto bei Unfällen oder auch außerhalb. Didi Mateschitz ist 1985 zu einem Rennen am Red Bull Ring gekommen, hat sich vorgestellt und hat gesagt, dass er ein großer Fan von mir ist und mich sponsern will. Ich war damals pleite. Wir waren uns sympathisch und sind auf ein Bier gegangen. Er hat gesagt, er macht das, nur die Firma gabs noch nicht. Da ist für mich die Welt kurz untergegangen. Er hat gesagt, er macht die Firma und gibt mir Bescheid, wenn er soweit ist. Dann kommt er auf meinen Helm und dann gibt es eine Erfolgsstory. Und die kennen wir heute alle. Ich bin heute noch mit Red Bull eng verbunden und das ist ein toller Partner geworden. Nicht nur für mich, sondern auch für den Motorsport. Was Red Bull im Motorsport bewegt hat, ist unglaublich. Für die Österreicher sowieso. Manchmal, wenn ich schlafen gehe, denke ich darüber nach, dass ich im Ursprung dabei war und auch eine kleine Rolle gespielt habe.“

…über Vertragsverhandlungen mit Enzo Ferrari: „Es war 1986 und ich habe mitten in der Saison nach dem Imola Rennen einen Anruf bekommen, dass mich Enzo Ferrari gern sehen würde. Ich habe einen Termin ausgemacht und bin nach Maranello gefahren. Ich habe zu der Zeit von McLaren ein Angebot auf dem Tisch gehabt. In Maranello haben wir einen Treffpunkt mit dem Management von Ferrari auf einer Tankstelle ausgemacht. Ich bin dort gewesen und sie haben mich in einem anderen Auto auf eine Bank gelegt und mit einer Decke zugedeckt. Auf der Hinterbank liegend und nichtwissend, wo sie mich hinführen, bin ich auf das Gelände von Ferrari gekommen und da habe die ersten Gespräche geführt. Ich war der Tiroler Bursch, der vom Berg kommt und vor Kurzem in die Formel 1 gekommen ist. Jetzt sitze ich bei Ferrari und das ist der Traum schlechthin. Da hat mich auch kein McLaren interessiert, obwohl sie zu dieser Zeit besser performt haben. Ich war immer einer, der emotional reagiert hat. Ich habe immer gewusst, wenn ich den Platz bei Ferrari bekomme, dann bin ich dort.“

…über den einzigen Ferrari-Sieg in der Saison 1988, dem Todesjahr von Enzo Ferrari: „Der war in mehreren Hinsichten besonders. Einmal in Monza mit Ferrari zu gewinnen, ist immer etwas Besonderes. Das andere Spezielle war, dass Enzo Ferrari zwei Wochen zuvor verstorben ist und es das erste Rennen nach seinem Tod war. Somit hat es für die Fans eine besondere Bedeutung gehabt. In dieser Saison sind alle Siege zwischen den beiden McLaren-Fahrern aufgeteilt worden. Ich war wenige Tage zuvor in Monza in der Fabrik, weil wir Testfahrten hatten. Das Management hat mich gefragt, was wir dieses Wochenende machen. Ich habe spaßhalber gesagt, dass ich gewinnen werde. Sie haben mir versprochen, wenn ich gewinne, kann ich das Auto haben. Ich habe das Rennen gewonnen und gleich den Ferrari am Anhänger aufgeladen und mit nach Hause genommen.“

…zu seiner Freundschaft mit Ayrton Senna: „Wir waren gleich alt und haben uns schon in der Formel 3 kennengelernt. In der Formel 1 sind wir gleich die härteste Konkurrenz geworden. Er im Lotus, ich im Ferrari. Wir waren die zwei jungen Stars, die nachkommen. Da haben wir es uns auf der Rennstrecke immer gegeben. Außerhalb der Rennstrecke haben wir immer Spaß miteinander gehabt. Da sind wir auf dem Boot gewesen und haben uns regelmäßig getroffen. Das hat sich intensiviert, als wir gemeinsam im Team waren.“

…weiter zur besonderen Verbindung zu Senna: „Ich habe die Gabe gehabt mit Konkurrenten ordentlich umzugehen. Im Kampf habe ich versucht alles zu geben. Wenn jemand besser war, konnte ich es mir eingestehen, dass er besser war. Ich habe zwar Tag und Nacht nachgedacht, was ich besser machen muss, um das nächste Mal vorne zu sein. Ich habe nie versucht mit Schmutz zu werfen oder die Leistung des anderen zu schmälern, wenn sie gut war. Ayrton war dann richtig froh jemanden im Team zu haben, der mit seiner Überleistung zurechtkommen konnte.“

…über das schwarze Wochenende von Imola 1994: „Wir waren in einem Sport, wo immer wieder Kollegen verunglückt sind. Mir fällt es erst heute richtig auf, wenn ich alte Bücher anschaue und sehe, dass viele nicht mehr da sind. Wenn sich das über Jahre verteilt, dann ist der Impact erträglich. Wenn man das auf einmal im Buch sieht, ist das unglaublich. Wie Ayrton in Imola verunglückt ist, waren Schumacher und ich hinter ihm. Ich habe gesehen, wie er in die Betonmauer aufprallt. Der Winkel war eigentlich gut. Ich habe rübergesehen und mir gedacht, dass es nicht so schlimm war. Ich war überrascht, dass die Folgen so schwer waren. Das war unheimlich traurig. Es hat schon am Freitag einen schweren Unfall mit Barrichello gegeben, am Samstag mit Ratzenberger, ein junger, österreichischer Kollege. Es war tragisch, zwei Kollegen an einem Wochenende zu verlieren. Aber wir haben gesagt, dass es Teil des Geschäftes ist. Wenn man dabei stirbt, stirbt man bei dem, was man am liebsten macht.“

…ob der Tod von Ayrton Senna etwas in ihm verändert hat und ein Karriereende in Aussicht war: „Ich habe meinen Unfall mehr oder weniger an derselben Stelle gehabt. Nachdem ich aus der Bewusstlosigkeit wieder aufgewacht bin, hatte ich Riesenschmerzen wegen der Verbrennungen gehabt. Ich habe gesagt, dass ich nie wieder in ein Auto steigen werde. Das hat nur ein paar Stunden gedauert, bis ich die ersten Spritzen bekommen habe. Dann habe ich wieder darüber nachgedacht, wie ich zurück ins Auto komme. Das hat sich in Grenzen gehalten.“

…über die problematische Mauer in der Tamburello-Kurve: „Ayrton Senna und ich waren der Meinung, dass die Mauer in der Tamburello-Kurve wegmuss, weil da irgendwann einmal jemand stirbt. Beim nächsten Test sind wir sind zu Fuß zur Tamburello-Kurve gegangen. Wir haben uns die Mauer angeschaut und gesehen, dass dahinter ein Fluss ist. Die Mauer konnte man nicht wegnehmen, ansonsten fliegt man in den Fluss. Wir haben uns angesehen und gesagt, dass man da nichts machen kann. Ein paar Jahre später ist er genau an der Stelle verunglückt. Das ist sehr tragisch. Wir waren beide stark genug im Geschäft positioniert, um eine Streckenänderung zu fordern. Aber da haben wir nicht genügend Disziplin daraufgelegt.“

…zu den Gründen, warum er nie Weltmeister geworden ist: „Ich habe wahnsinnig viel Talent mitbekommen. Für dieses Talent habe ich nie arbeiten müssen. Das ist mir auf meinen Weg in die Formel 1 zugutegekommen. In der Formel 1 kommt man mit Talent sehr weit. Die absolute Spitze, wie Senna, Rosberg, Lauda oder Piquet, die haben viel Fleiß und Disziplin aufgebracht. Sie haben gelernt, sich ständig weiterzuentwickeln und das mit Talent kombiniert. Da ist es bei mir schwerer geworden. Ich bin halt gerne mal an die Bar gegangen und habe mein Bier getrunken und Spaß gehabt. Manchmal bin ich gar nicht schlafen gegangen. Diese Geschichten waren nicht förderlich, um den letzten Erfolg zu feiern.“

…über den letzten, emotionalen Sieg in Hockenheim 1997: „Die Umstände waren extrem schwierig, weil wir kein Siegerauto hatten. Es war ok, aber kein Siegerauto. Das zweite war, ich hatte eine Kieferhöhlinfektion, die eine Operation nötig machte. Ich war auf Antibiotika und Infusionen, also war sichtlich angeschlagen. Ich wollte zum nächsten Grand-Prix und genau wie dieser gewesen wäre, ist mein Vater bei einem Flugzeugabsturz verunglückt. Dazu kam, dass das Team auch den Glauben verloren hat und mir vorgeworfen hat, dass ich nicht gesund sei. Ich soll zuhause bleiben und sie machen das anders. Ich habe gespürt, dass mich jeder gern gesehen hat, aber jeder hat sich gedacht, was ich da mache. Das hat mir im Kopf so viel Motivation gegeben und da wollte ich es wissen. Bei der Gelegenheit habe ich beschlossen, dass das meine letzte Saison ist. Danach war alles Kopfarbeit. Man kann über den so viel Stärke und Performance aus sich herausholen, wie ich es in Hockenheim gemacht habe. Ich hätte mit dem Auto weder gewinnen können, noch hatte ich den körperlichen Zustand dazu. Ich habe die Poleposition geholt, bin die schnellste Runde gefahren und habe das Rennen gewonnen. Das war reine Kopfarbeit. Der Unterschied war, dass Senna den Kopf jedes Rennen so einstellen konnte, ich nur vereinzelt.“

…über seine Beziehung zu seinen Eltern: „Die Schmerzgrenze bei meinen Eltern, vor allem bei meinem Vater, war sehr hoch. Ich habe viel Akzeptanz für meinen Blödsinn gehabt. Dadurch habe ich immer zu meinem Elternhaus ein sehr enges Verhältnis gehabt. Obwohl ich als junger Rennfahrer fast nie zuhause gewesen bin, habe ich einiges vermisst. Ich habe eine schöne Kindheit gehabt und eine sehr enge Beziehung zu meinen Eltern.“

…zur Frage, ob ihm sein Sohn nachfolgen wird: „Was er machen wird, weiß man nicht. Natürlich strahlt das ab. Er sitzt auch am Motorrad und im Kart. Ob daraus was wird, kann man noch nicht sagen.“

…zur Herausforderung in der DTM: „Ich wollte nach Österreich zurückziehen und es war der Zeitpunkt, an dem ich den Motorsport reduzieren möchte. Ich habe zu der Zeit einige Themen zur Formel 1 auf dem Tisch gehabt, um dort weiterzumachen. Ich habe gewusst, das mache ich nicht. Ich habe kleine Kinder und ich kann nicht wieder das Aufwachsen der Kinder versäumen. Ich muss mehr da sein. Dann hat sich das mit der DTM ergeben. Meine Erfahrung in den Motorsport nicht mehr einzubringen, wäre auch schade. Motorsport in Europa ohne Flieger und Jetlag weiterzumachen – und das nur zehn statt 25 Mal im Jahr – das könnte vielleicht doch was sein. Ich habe mich dann für Audi, Mercedes und BMW überreden lassen, die DTM zu managen.“

Beitragsbild: René Hundertpfund